Bayan Kokha – die Geschichte einer Analphabetin

19.11.2019

Text: Lehrperson von academia integration mit Spezialisierung auf den Unterricht Deutsch als Fremd- und Zweitsprache (DaF/DaZ).
Redaktion: Katrin Huber

Bereits seit mehr als fünf Jahren ist academia integration im Bereich der Alphabetisierung tätig

In unseren Integrationskursen wird Flüchtlingen mit allen Formen von Analphabetismus die Möglichkeit geboten, diesen Teil der in Europa selbstverständlichen Grundschulbildung nachzuholen und so den Weg in ein integriertes Leben in der Schweiz zu gehen.

Die Geschichte von Bayan Kokha schildert den Weg einer Analphabetin in die Schweiz und den damit verbundenen, nicht immer einfachen Integrationsprozess.
 

Bereits seit mehr als fünf Jahren ist academia integration im Bereich der Alphabetisierung tätig

Flucht, Feuer und Ankunft in der Schweiz

Bayan Kokha flüchtete 2017 im Alter von 26 Jahren mit ihrem Mann und ihren zwei Söhnen aus dem Irak in die Schweiz.

Auf ihrer Flucht verlor sie unter tragischen Umständen ihren 6-jährigen Sohn in einem der Feuer, die zu jener Zeit in den Flüchtlingscamps in Griechenland wüteten.

Bayan Kokha selbst zog sich schwere Brandverletzungen am ganzen Körper und im Gesicht zu, überlebte aber mit ihrem jüngeren Sohn und ihrem Mann.

Nach diesen schrecklichen, traumatisierenden Ereignissen verfiel ihr Mann dem Alkoholismus und verliess die Familie nach Ankunft in der Schweiz.

Bayan Kokha fand sich allein mit ihrem 4-jährigen Sohn und verheerenden psychischen sowie physischen Verletzungen in einem Asylheim in der Schweiz wieder. 

Erste Unterstützung

Seit ihrer Ankunft hatte die 26-Jährige mit den starken Schmerzen ihrer Verbrennungen zu kämpfen.

Gleichzeitig wurde Sie von Depressionen und Alpträumen geplagt.
Die empfundene Hilflosigkeit wurde zudem dadurch verstärkt, dass die junge Irakerin kein Wort Deutsch verstand und auch nicht lesen und schreiben konnte, da sie in ihrem Heimatland nie eine Schule besucht hatte.

Bayan Kokha erzählt: «Ich hatte so viele Schmerzen und ich war sehr traurig und allein mit meinem Sohn. Jede Nacht kann ich nicht schlafen, weil ich Träume habe vom Feuer.»

Die junge Irakerin erhielt in der Schweiz psychologische und ärztliche Betreuung und wurde auch bei der Sorge um ihren Sohn durch einen Beistand unterstützt.

Im September 2018 meldete die Sozialbehörde Bayan Kokha für eine Alphabetisierungsabklärung bei academia integration an. Kurz darauf konnte sie in einem Alphabetisierungskurs schnuppern.

Einstieg in eine neue Welt des Lernens

Der erste Tag eines Alphabetisierungskurses ist für Kursteilnehmende und Kursleitende erfahrungsgemäss sehr speziell.
Wie fühlt es sich an, wenn man mit über 20 Jahren den ersten Schultag erlebt, zum ersten Mal in einem Schulzimmer sitzt, in einem Buch blättert und lernen muss, wie man einen Bleistift richtig in der Hand hält?

Den Kursteilnehmenden eröffnet sich eine vollkommen neue Welt:
Neue kognitive und motorische Fähigkeiten müssen gelernt werden.

Gleichzeitig prasseln eine ganze Menge neuer Eindrücke auf die Neuankömmlinge ein.
Von vielen Teilnehmenden wird die Schule am Anfang als überwältigend und anstrengend empfinden, da sowohl die Konzentrationsfähigkeit als auch die mentale Aufnahmefähigkeit zuerst aufgebaut werden müssen.

Auch die selbständige Organisation ihres Alltags ist für viele Kursteilnehmende anfangs etwas ganz Neues.
Deshalb wird mit Blick auf einen nachhaltigen Lernerfolg zu Beginn der Alphabetisierungskurse bei academia integration auf das Erlernen dieser Fähigkeiten besonders viel Wert gelegt.

Einstieg in eine neue Welt des Lernens

Mit Motivation und Begeisterung Ziele erreichen

Bayan Kokha fiel schon von Anfang an als eine unglaublich motivierte, selbständige Kursteilnehmerin auf.
Mit beeindruckender Sicherheit organisierte sie ihre Termine, besuchte sogar freiwillige Übungsstunden ausserhalb der Schule und widmete sich dem Erlernen des Lesens und Schreibens mit einem überdurchschnittlichen Mass an Zielstrebigkeit und Durchhaltevermögen.

Zu Beginn bereitete ihr zum Beispiel das Schreiben der Zahl 8 grosse Mühe.
Und obwohl schon alle anderen Kursteilnehmenden diese Zahl schreiben konnten, übte die junge Frau pausenlos in der Schule und zuhause, bis es nach drei Tagen endlich klappte.

Heute darauf angesprochen, lacht sie und meint:

«Oh ja, das war sehr schwierig, aber jetzt schreibe ich die 8 gut!»

Inzwischen ist seit der ersten Schulstunde ein Jahr vergangen und Bayan Kokha ist mit dem Schulalltag bestens vertraut.
Sie liest sehr flüssig und ihre Handschrift ist fast makellos.
Darauf ist sie sehr stolz, sieht aber auch, dass sie noch einen langen Weg vor sich hat.

«Ich möchte A1 machen und bis B1 lernen, dann möchte ich arbeiten.»

Mit Motivation und Begeisterung Ziele erreichen

academia integration als Basis für Integration

Einen ähnlich langen Weg wie Bayan Kokha gehen auch viele andere Alphabetisierungsschüler und -schülerinnen.
Die Herausforderung, aber auch der Vorteil eines Alphabetisierungskurses besteht darin, dass der Spracherwerb gleichzeitig mit dem Alphabetisierungsprozess abläuft.

Während die Kursteilnehmenden Schritt für Schritt das Lesen und Schreiben lernen, beginnen sie gleichzeitig mit dem Spracherwerb.
Selbstverständlich geschieht dies auf einem sehr basisorientierten Niveau, doch die meist sehr motivierten und lernwilligen Kursteilnehmenden eignen sich dadurch bereits einen beachtlichen Wortschatz an und können sich in einfachen, alltagsbezogenen Situation verständigen.

Der Einstieg in einen A1 Kurs stellt jedoch ein viel grösseres Hindernis dar als die Alphabetisierung selbst, da den frisch Alphabetisierten die nötige Übung im schriftlichen Umgang mit der Sprache fehlt.

Ein Kind benötigt die gesamte Schulzeit von neun bis zwölf Jahren, um sich die gleichen grundlegenden mentalen und sprachlichen Fähigkeiten anzueignen, die für den Besuch eines A1 Kurses und das spätere Absolvieren einer Ausbildung vorausgesetzt werden.

Im Vergleich dazu ist ein Jahr sehr wenig und aus diesem Grund ist es für die Betroffenen oft nicht einfach, in einem regulären Sprachkurs mitzuhalten.

Es ist academia integration darum ein besonderes Anliegen, die Kursteilnehmenden in dieser sensiblen Zeit zu unterstützen und ihnen in den Alphabetisierungskursen die bestmöglichen Basiskenntnisse und -fähigkeiten unserer Sprache zu vermitteln, sodass sie später die gleichen Chancen auf eine vollständige Integration haben wie andere Flüchtlinge.

academia integration als Basis für Integration

Weitere Informationen:

Weitere Informationen zum Thema Alphabetisierung in Europa finden Sie unter unesco

 

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